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Das letzte Foto, das Jessie gemacht hat, zeigt die Sonne über Berlin. Sie hängt da, als wäre nichts geschehen. Aber Ella hat ihre Tochter verloren. Was ihr bleibt, ist Jessies kleine Schwester und die komplizierte Beziehung zu dem Jungen, dem alle die Schuld geben. Das merkwürdige Trio landet in einem Familienurlaub, den es so nie gab. Unter der flirrenden Sonne Teneriffas verweben sich Erinnerung und Gegenwart unauflöslich ineinander. Die Geister sind überall.
Zwischen Nähe und Distanz, Schuld und Vergebung, Stillstand und Bewegung zeichnet sich für Ella, Melli und Lux eine neue Form des Weiterlebens ab - eine, die niemand von ihnen geplant hat und die keine einfachen Antworten kennt. Die Geister sind überall.
Das ist radikal sinnliches Kino über die Unmöglichkeit, einen Verlust zu begreifen, und über die seltsame Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und möglicher Zukunft.
Sandra Wollner treibt mit diesem Film ihren Stil auf eine neue, atemberaubende Ebene: in jeder Einstellung unendlich überraschend, in jedem Moment auf der Kippe zwischen Diesseits und dem, was jenseits der Sprache liegt. Kameramann Gregory Oke findet Bilder von verstörender Schönheit: nah und zugleich entrückt, körperlich und traumwandlerisch, in jedem Lichteinfall zugleich Trost und Wunde.
Ein Film, den niemand, der ihn bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes gesehen hat, vergessen wollte. »Everytime« gewann dafür den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard.
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Man sagt ja immer, dass man eigene Schwächen in Stärken umwandeln soll. Niki White (Leo Woodall) hat ein ausgesprochen gutes Gehör. Es ist teilweise so gut, dass er seine Ohren vor zu lauten Geräuschen schützen muss. Die Hörstörung heißt Hyperakusis und kann schnell sehr schmerzhaft für ihn werden. Zudem hat er auch noch „perfect pitch“, das bedeutet, dass er jeden Ton direkt zu einer Note zuordnen kann. Das macht ihn prädestiniert, Instrumente zu stimmen. Er findet schnell eine Anstellung als Klavierstimmer. An der Seite des schwerhörigen Harry Horowitz (Dustin Hoffman) wird er in den noblen Beruf des Klavierstimmers eingearbeitet und darf in wohlhabenden Haushalten sein Gehör für etwas Gutes einsetzen. Außerdem lernt er die Musikstudentin Ruthie (Havana Rose Liu) kennen, die begeistert ist von seinem Talent.
Eines Nachts überrascht er allerdings den zwielichtigen Uri (Lior Raz) bei einem seiner Aufträge, der gerade einen Tresor sprengen will. Da laute Geräusche nichts für Niki sind, bietet er an, den Tresor mit seinem ultrafeinen Gehör zu knacken. Uri erkennt schnell, dass Niki ihm durchaus viel helfen kann und bietet ihm einen lukrativen Nebenverdienst an. Niki ist erst abgeneigt, doch dann häufen sich medizinische Kosten für seinen Mentor Harry an und Niki entscheidet sich doch für die dunkle Seite.
Der Oscar-prämierte Dokumentarfilmer Daniel Roher hat mit »The Piano Tuner« seinen ersten fiktionalen Spielfilm auf die Leinwand gebracht. Er nutzt Ton und Musik besonders als erzählerisches Mittel, um die Hörstörung erfahrbar zu machen. Seine Weltpremiere feierte »The Piano Tuner« schon 2025 beim Telluride Festival.
Anne
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Dem Beschreiben, Besuchen, Bewundern der Insel Hiddensee lag immer schon ein besonderer Zauber inne. Ganz zu schweigen vom tasächlichen Bewohnen des schmalen Streifens „süßen Lande“. Immer schon zog es Menschen weg von den mondänen Seebädern der Begüterten und Betuchten, hin zu den unverbauten, unmotorisierten 17 Kilometern Ostseesand. So wuchs übers letzte Jahrhundert ein ansehnlicher Kreis an Dauergästen und Zeit-Insulanern heran. Egal unter welchem Regime, hier war das Publikum immer erlesen, speziell und charmant. Sommers residierten hier Gerhart Hauptmann, Joachim Ringelnatz, Heinrich George oder Asta Nielsen. Fest verbunden mit der Insel ist auch der Name von Gret Palucca, die hier viele Sommermonate mit ihren Schülerinnen arbeitete. „Wer einmal hier war, kommt immer wieder - oder nie“. Wie passen Karl-Eduard von Schnitzler, Nina Hagen, Bertolt Brecht oder Feeling B. in das Urlaubsparadies und wie die Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel (»Anderson«, »Familie Brasch«)? Selbst bei soviel herrlichem Publikum gilt es Geschichte zu schürfen, hat Hendel sich gesagt, und erinnert sich an ihre eigene, wilde Sommer-Jugend auf Hiddensee. In einem stillen Schwarz/Weiß porträtiert sie die Insel von heute, mit ihren aktuellen kommunalpolitischen Zerwürfnissen, die Insel ihrer eigenen Jugend mit den Punkkonzerten am Strand und die Insel von anno damals, mit all den namhaften Festlandflüchtlingen, die der Inselpuppenspieler Karl Huck liebevoll verfremdet.
alpa kino
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Die fünf Heldinnen des Films sind Expertinnen für die wichtigste Sache der Welt: Müttern zu helfen, ein Kind zur Welt zu bringen. Regisseurin Nicole Scherg begleitet Genet Gebru aus Äthiopien, „Hajja“ Aïcha El Fathi aus Marokko, Kanchan Mala Shrestha aus Nepal, Gunda Gutscher aus Österreich und Sheila Santos aus Brasilien. Wie Frauen gebären, geht uns alle an: Wir alle wurden schließlich einmal geboren. Die Hebammen begleiten diesen physiologischen Prozess, der universell und natürlich ist - und doch zutiefst individuell. Ob im hochtechnologischen OP-Saal, im frauenverwalteten Geburtshaus oder bei Regen im Dorf: Sie navigieren den Weg zwischen den Welten. Sie wissen von der Unkontrollierbarkeit des Gebärens und sind verlässliche Reiseleiterinnen in Grenzsituationen.
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In den 80ern kämpfte sich ein kleiner Indie-Slasher-Film an die Spitze der Charts und in die Herzen der Filmliebhaber:innen. Daraufhin gab es mehrere weitere Verfilmungen, allerhand Merch und sogar Actionfiguren. Die Camp Miasma Filme sind Kult. Nun soll die ambitionierte queere Filmemacherin Kris Williams (Hannah Einbinder), die gerade ein hervorragendes Regiedebüt abgeliefert hat, einen neuen Teil der Slasherfilm-Reihe drehen. Sie soll mit dem neuen Teil das Franchise wieder aus der finanziellen Notlage rausholen. Kris will jedoch nicht einfach ein Remake oder einen weiteren Teil machen, sie will etwas ganz Besonderes aus dem Stoff rausholen. Bei der Recherche zu den Camp Miasma Teilen entwickelt Kris eine zunehmende Faszination für das „Final Girl“ Billy Presley (Gillian Anderson) des Originals. Sie schafft es, die mittlerweile zurückgezogen lebende Schauspielerin ausfindig zu machen und trifft sich mit ihr. Ausgerechnet der Originalschauplatz des ersten Camp Miasma Filmes ist die Wahlheimat des ehemaligen Stars. Kris möchte Billy unbedingt für einen Cameo-Auftritt gewinnen. Doch irgendetwas stimmt mit Billy nicht. Sie nennt als Grund, warum sie ausgerechnet im Camp wohnt, dass irgendjemand da sein muss, wenn „Little Death“ (Jack Haven) wieder aufersteht. „Little Death“ ist der Serienkiller in den Camp Miasma Filmen, der als Kopf einfach einen Lüftungsschacht hat. Dass diese Figur nur fiktiv ist und nicht im wahren Leben herumlaufen kann, das scheint Billy nicht zu interessieren. Kris findet sich bald in einem Strudel aus Angst, Lust und Wahnvorstellungen wieder, in dessen Zentrum die mysteriöse Frau ihrer Träume steht.
Regie und Drehbuch von »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« stammen von Jane Schoenbrun, die z.B. auch »I saw the TV glow« machte. Der Film ist keine Parodie kultiger Slasherfilme und auch kein billiger Abklatsch, sondern eher eine nuancierte Hommage voller Liebe für das Genre.
Anne
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Eva Müller und Isabel Schneider erzählen die Geschichte des Unterhaltungsfernsehens der 90er und früher 00er Jahre erstmals aus Frauenperspektive. Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins blicken zurück auf ihr Werk und eine Zeit, in der Frauen im Fernsehen vor allem Beiwerk waren, als Pointen dienten und weiblicher Humor als Quotenkiller galt.
Eine ganze Generation wurde so vor allem durch männliche Unterhalter sozialisiert - durch „Wetten, dass…?“, die „Harald Schmidt Show“ und später „TV total“. Wie hat uns diese Zeit geprägt? Und was haben Humor, Witz und Unterhaltung mit Macht und Gleichberechtigung zu tun? Dieser Film ist eine Zeitreise zurück zu den Lachern der 90er und 00er. „Was haben wir gelacht“ - oder vielleicht doch nicht?
„Unsere Protagonistinnen Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins haben - jede auf ihre Weise, auch in kaum bekannten Fernsehmomenten - mehr Sichtbarkeit von Frauen im Unterhaltungsfernsehen erkämpft. Sie waren dabei Autorinnen ihrer eigenen Geschichte, aber auch Betroffene von Sexismus, Häme, Queer- und Frauenfeindlichkeit. Sie kennen sich, schätzen sich, sehen in unserem Film dieselben Archiv-Momente und schauen aus heutiger Perspektive auch kritisch auf sich selbst, ihr Schaffen und das ihrer Kolleginnen.“
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Madrid kurz vor Weihnachten, Anfang der 2000er: Elsa (Bárbara Lennie) ist Werbefilmerin und war einmal Regisseurin von Kultfilmen, Filmen, die Geheimtipps geblieben sind. Als ihre Mutter stirbt, macht Elsa, was sie immer tut: arbeiten, weitermachen, durchziehen. Bis der Körper streikt, eine Panikattacke die Notbremse zieht. So reist sie mit ihrer Freundin Patricia (Victoria Luengo) auf die Kanareninsel Lanzarote in ein Ferienhaus auf vulkanischem Grund, weit weg von Madrid und ihrem Lebensgefährten Bonifacio (Patrick Criado), Feuerwehrmann und Stripper.
Parallel dazu, in derselben Stadt, ca. 20 Jahre später: Der erfolgreiche, mit Preisen überhäufte Regisseur Raúl Durán (Leonardo Sbaraglia, »Wild Tales«) dreht seit Jahren keinen Film mehr. Nun schreibt er ein Drehbuch mit dem Titel „Bitteres Fest“. Es erzählt von einer Werbefilmerin, die nach dem Tod ihrer Mutter nicht trauern kann. Wer hier eigentlich wen erfindet, lässt der große Pedro Almodóvar mit ruhiger Entschlossenheit lange offen.
Mit seinem 24. Langfilm kehrt der 76-jährige spanische Regisseur nach dem englischsprachigen Ausflug »The Room Next Door« zu seinen Wurzeln zurück und knüpft an seinen autobiografischen Film »Leid und Herrlichkeit« (2019) an. Der Fokus verlagert sich nun vom gelebten Leben hin zur Kunstproduktion, zum schöpferischen Akt. Beide Hauptfiguren, Elsa wie Raúl, sind als Almodovars Alter Egos lesbar. Dramaturgisch fein verwoben, kreisen sie um die Beziehung zwischen Kunst und Leben und um die stete Angst vor dem Versagen der Kreativität. Unverwechselbar ist wieder die Bildsprache: perfekt durchkomponierte Räume, leuchtende Primärfarben an Wänden und Pullovern - eine Welt aus Dekors, die immer auch Seelenlandschaften sind.
Grit Dora